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Mittwoch, 4. November 2009

Vom Ende einer Welt der Sicherheit ins Zeitalter des Chaos

Vortrag von Prof. Roberto de Mattei anläßlich der Vorstellung des Buches Der Adel und die vergleichbaren traditionellen Eliten in den Ansprachen von Pius XII. an den Adel und das Patriziat von Rom


Wir nähern uns dem hundertsten Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkrieges. Bald werden es hundert Jahre her sein, dass an jenem 28. Juni 1914 die Revolverschüsse von Sarajevo des Ende einer Epoche ankündigten. Heute wird es immer deutlicher, dass der Erste Weltkrieg in der europäischen Geschichte einen keineswegs geringeren Bruch darstellt als die Französische Revolution, denn auch in diesem Fall handelte es sich um eine Revolution.

Talleyrand hat einmal beheuptet, dass einer, der nicht schon vor 1789 gelebt hat, nicht weiß, was Lebenfreude ist. Heute können wir ähnlich behaupten, dass einer, der nicht vor 1914 gelebt hat, nicht weiß, was eine Welt der Sicherheit bedeutet.

Vielleicht sollte man sich noch einmal die Seiten des Buches Die Welt von Gestern (1941) von Stefan Zweig (1881-1942) zu Gemüte führen. In diesem Buch schreibt Zweig, dass sich die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg am besten mit dem Begriff „goldenes Zeitalter der Sicherheit“ umschreiben lässt. In der fast tausendjährigen österreichischen Monarchie schien es, als sei alles auf Dauer angelegt, und selbst der Staat habe einen Eindruck unerschütterlicher Festigkeit verbreitet. Niemand habe geglaubt, es könnte Krieg, Revolution oder Umsturz geben. Im Zeitalter der Vernunft musste jedes radikale, gewaltsame Vorgehen als ein Ding der Unmöglichkeit erscheinen.

Der fortschreitende Verlust der Sicherheit durchzieht wie ein roter Faden des 20. Jahrhundert, ein Jahrhundert der Kriege und Revolutionen, wenngleich die großen Totalitarismen noch halbwegs eine Illusion von Sicherheit anzubieten vermochten. Heute haben der Fall der Mauer und der Einsturz der Twin Towers das Gefühl der Sicherheit in der westlichen Welt endgültig erschüttert, denn es war ein Gefühl, das sich auf die Festigkeit der beiden sich gegenüberstehenden Supermächte Russland und Amerika stützte.

Das Zeitalter der Unsicherheit, in dem wir heute leben, ist das Zeitalter des Chaos auf allen Ebenen. Es sind auch bereits Bücher erschienen, die den bedeutsamen Titel Geopolitik des Chaos tragen. Die Geopolitik des Chaos bezieht das kulturelle und moralische Chaos, das aus dem Relativismus und der Identitätskrise unserer Zeit hervorgegangen ist, auf eine Ebene, die die nun ganze Welt umfasst. Und zum allgemeinen politischen Chaos gesellt sich das noch schwerwiegendere wirtschaftliche Chaos. Die Säulen der Wirtschaft wanken und unser tägliches Leben sieht sich selbst in seinen materiellsten Aspekten bedroht.

Diese Identitätskrise macht vor keinem Wert und keiner Institution halt, weder vor der Familie noch vor der Nation, ja sie dringt sogar in das Innerste der Kirche vor, wo sich die dramatische Frage stellt: Hat Europa, hat unsere Zivilisation noch eine Zukunft? Steht die europäische und abendländische Zivilisation vor einem nicht mehr rückgängig zu machenden Untergang, ist sie todkrank oder kann sie ihr Leiden überwinden? Gibt es die Möglichkeit, dass Europa wiederaufersteht?


Fünfzig Jahre nach dem Tod Pius XII.

Die Antwort gibt uns fünfzig Jahre nach seinem Tod die Stimme des Dieners Gottes Pius XII., dieses großen Papstes, dessen Seligsprechung Benedikt XVI. bereits in Aussicht gestellt hat.

Am Ende seiner ersten, kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erschienen Enzyklika Summi Pontificatus hat Pius XII. die tiefere Natur der Übel angeprangert, die damals die internationale Gemeinschaft bedrängten, und als Lösung auf die Rückkehr zur natürlichen, christlichen Ordnung hingewiesen.

An der Spitze dieses Werkes der Evangelisierung der Gesellschaft sollte nach Pius XII. eine neue Führungsschicht stehen, die sich zu einem großen Teil aus dem Adel und den traditionellen Eliten zusammensetzen sollte. An diese richtete der Papst 1946 bis 1957 einen systematischen Appell in seinen jährlichen Ansprachen an das Patriziat und den Adel von Rom. In seiner Ansprache vom 14. Januar 1945 hatte er bereits gemahnt: „Man kann heute sagen, dass es die ganze Welt wiederaufzubauen gilt: Die Weltordnung muss wiederhergestellt werden. Die materielle Ordnung, die geistige Ordnung, die moralische Ordnung, die gesellschaftliche Ordnung, die internationale Ordnung – alles muss umgestellt und in eine regelmäßige, beständige Bewegung gebracht werden. Diese von der Ornung ausgehende Ruhe ist der Frieden, der einzig wahre Frieden, und dieser kann nur dann wiedererstehen und von Dauer sein, wenn die menschliche Gesellschaft auf Christus aufgebaut ist, in dem alles vereinigt, zusammengefasst und zusammengeführt werden muss: Instaurare omnia in Christo (Eph 1,10)“.

Prof. Plinio Corrêa de Oliveira hat wie wenige die Bedeutung und Aktualität der Ansprachen Pius XII. erfasst und sie deshalb in einem Buch zusammengetragen und mit seinen Kommentaren vertieft. Dieses Werk ist von 1993 an in Italienisch und anderen Sprachen erschienen und liegt nun heute auch auf Deutsch vor. Die fünfzehn Jahre, die seit der Erstveröffentlichung vergangen sind, haben seine Aktualität und seine Voraussicht nur noch größer werden lassen.
Prof. Plinio Corrêa de Oliveira meint dazu: „Wer die Verlautbarungen des Papstes liest, kann ohne weiteres erkennen, dass es ihm darum ging, dieser ungeheuren Revolution mit ihrem Gegenteil, das heißt mit der Gegenrevolution zu begegnen, einer Gegenrevolution, die viele Traditionen vor dem Ruin bewahren sollte und manchen anderen, die trotz ihrer Hinfälligkeit durchaus noch ihre Daseinsberechtigung haben, die Möglichkeit geben sollte, sich zu erheben und zu neuem Leben zu erwachen.“


Der Naturalismus und der Aufbau der modernen Zivilisation

Als Revolution hat Plinio Corrêa de Oliveira in Übereinstimmung mit dem Lehramt der Kirche den Prozess der Entchristlichung definiert, der seit vielen Jahrhunderten gegen die abendländische Zivilisation angeht. Die wichtigsten Etappen dieses Prozesses wurden vom Humanismus und dem Protestantismus, von der Aufklärung und der Französische Revolution, dem Kommunismus und den Totalistarismen des 20. Jahrhunderts gebildet. Sie alle werden von dem roten Faden des Stolzes durchzogen, mit dem der Mensch versucht, Gott seine Rechte über die Gesellschaft abzusprechen.

In den Geschichtsphilosophien des 18. Jahrhunderts, wie etwa im Idealismus und im Positivismus, steht allein der Mensch im Mittelpunkt des Kosmos. Mit seiner Vernunft und seinem Willen erhebt er den Anspruch, die Natur zu beherrschen und die Geschichte zu ihrem Ziel zu führen. Indem sie all ihr Vertrauen auf das Individuum setzt, wie zum Beispiel in ihrer liberalen Phase, oder aber auf die Kollektivität, wie in ihrer sozialistischen Phase, vergöttert die Revolution den Menschen und verlässt sich auf eine Möglichkeit der „Selbsterlösung“ in und durch die Geschichte. Der Gedanke des Fortschritts als notwendiges Gesetz der Geschichte bildet das „Dogma“, auf dem der Gedanke der Modernität beruht.

Im 19. Jahrhundert tritt der von Marx und Lenin vertretene „wissenschaftliche Sozialismus“ als das Werkzeug auf, mit dem sich das neue Gebäude der modernen Zivilisation errichten lässt, deren Symbole die Megalopolen und Fabrikschornsteine darstellen. Die neue „Zivilisation der Arbeit“ würde nach der marxistischen Utopie endlich eine anarchische, egalitäre, klassenlose Gesellschaft errichten. Die Menschheit hat für diese Utopie einen schrecklichen Preis zahlen müssen: Kriege, Revolutionen, hunderte von Millionen Opfer auf der ganzen Welt. Niemals war so oft von Fortschritt und Menschenwürde die Rede, und niemals ist im Lauf der Geschichte so viel Blut geflossen, um dem Fetisch der Modernität ein wahres Brandopfer darzubringen.

Der Fall der Berliner Mauer (1989) und der Twin Towers von New York (2001) wurde zum Ausdruck des symbolischen Zusammenbruchs des revolutionären Naturalismus. Auf dem Weg vom Humanismus zum Marxismus wollte die Revolution in ihrem Stolze eine selbständige natürliche Ordnung errichten, die weder Gott noch seine Gnade braucht. Der Bankrott der naturalistischen Utopie hat dann allerdings zu einem Projekt mit gegenteiligem Vorzeichen geführt.

Dem Konstruktivismus des 20. Jahrhunderts wird in unseren Tagen die Dekonstruktion entgegengesetzt, die aus den Theorien der Fahnenträger des „schwachen“ oder „postmodernen“ Denkens hervorgegangen ist. So wie die Revolution gestern die christliche Zivilisation im Namen einer auf den selbsterlöserischen Kräften des Menschen errichteten Zivilisation geleugnet hat, so leugnet diese heute selbst die Möglichkeit des Menschen, irendeine Art von Zivilisation aufzubauen. Der Feind ist nun nicht mehr die übernatürliche Ordnung, sondern die natürliche Ordnung. Heute geht es der Revolution darum, ein Projekt völliger Dekonstruktion der menschlichen Natur und ihrer Gesetze durchzuführen.


Die menschliche Natur

Was aber ist die menschliche Natur? Nach den Worten des heiligen Thomas ist Natur „das das auf die Funktion des Dinges selbst ausgerichtete Wesen eines Dinges“ (essentiam rei secundum quod habet ordenem ad propriam operationem) . Die Natur ist das, was ein Seiendes ausmacht und ihm erlaubt, seinem Zweck entsprechend zu handeln. Im Falle des Menschen ist die Natur sein Wesen, d. h. das, was ihn zum Menschen und nicht zu etwas anderem macht. Diese Natur veranlasst den Menschen, nicht einfach allen Trieben seines Körpers nachzugeben, sondern sie nach einer Regel oder einem Gesetz zu ordnen und zu bestimmen. Mit den Tieren hat der Mensch seine physische Natur gemein, doch was diese von ihm unterscheidet, ist seine rationale Natur. Das Naturgesetz ist demnach nicht einfach das tierische Gesetz der Lebewesen, sondern die sittliche, metaphysische Ordnung des Geschöpfes, das der Mensch mit seiner Vernunft entdecken kann.

Die Natur trägt eine Grenze in sich, die besagt, dass einem Wesen unmöglich ist, etwas anderes zu werden, als das, was es ist. In dem Maße, in dem der Mensch versucht, die Grenzen seines eigenen Wesens und seiner Natur zu überwinden oder zu leugnen, verliert er die Fähigkeit, das ihm eigene Ziel zu verwirklichen. Wenn der Mensch aber sein Ziel aus den Augen verliert, strebt er danach zu werden, was er nicht ist: Er strebt ins Leere, er gerät in den Sog des Nichts. Damit steht der Nihilismus unvermeidlich am Ende der Verneinung des Naturgesetzes.

Die Legalisierung der Sünden gegen die Natur, wie dies etwa die Homosexualität und die Zulassung genetischer Versuche sind, müssen als ein dramatisches Beispiel dieser Zweckentfremdung des Menschen angesehen werden. Die in allen Zeitungen erschienene Nachricht vom sogenannten „schwangeren Mann“ lassen einen angesichts des dahinter steckenden Nihilismus erschaudern. In Oregon in den Vereinigten Staaten hatte eine homosexuelle Frau beschlossen, Mann zu werden. Mit Hilfe plastischer Operationen und Hormonbehandlungen hat sie zwar das Aussehen eines Mannes und den männlichen Namen Thomas Beatie angenommen, doch in ihrem Körper besitzt sie weiterin den weiblichen Fortpflanzungsapparat. Danach hat sie eine Frau geheiratet, die wie sie selbst homosexuell ist und von der sie natürlich keine Kinder bekommen kann. Sie beschloss also, sich an eine „Samenbank“ zu wenden. Aus der anonymen Befruchtung ist schließlich ein Mädchen hervorgegangen, das am 2. Juli 2008 auf die Welt kam. Dieses Mädchen hat eigentlich keine Eltern. Sein biologischer Vater ist ein anonymer Samenspender, während sein offizieller Vater in Wirklichkeit die biologische Mutter ist. Die offizielle Mutter ist nicht seine biologische Mutter, sondern die Lebensgefährtin des offiziellen Mutter-Vaters. Man kann sich schwerlich eine radikalere Leugnung der Naturgesetze vorstellen.

Nachrichten dieser Art lösen zwar noch Abscheu aus, doch bilden sie die Spitze eines Prozesses, dessen Reichweite nur wenige durchschauen.

Pius XII. behauptet, dass der Staat und die Familie die Säulen der Gesellschaft und ihre grundlegenden Bestandteile bilden, weil sie ihren Ursprung in der Natur haben. Der heute vorherrschende kulturelle und moralische Relativismus leugnet die Existenz einer naturgegebenen, konstitutiven gesellschaftlichen Wirklichkeit. Für das Europa ohne Grenzen, das 1992 mit dem Vertrag von Maastricht geboren wurde, haben nicht allein die geographischen Grenzen und die wirtschaftlichen und politischen Barrieren zwischen den Staaten zu fallen, sondern auch die natürlichen Identitätsunterschiede, angefangen bei dem ersten und größten von allen, dem Unterschied zwischen Mann und Frau.

Mit dem Abkommen von Lissabon, das am 13. Dezember 2007 von den Staats- und Regierungschefs der 27 Länder unterzeichnet wurde, die die Europäische Union bilden, wird die am 7. Dezember 2000 in Nizza verabschiedete Charta rechtskräftig. In dieser Charta wird nicht nur jeder Hinweis auf die christlichen Wurzeln Europas ausgeklammert, sondern auch der Versuch gemacht, diese Wurzeln, die ja nicht nur historischer, sondern grundlegender Natur sind, völlig auszurotten.

Der Artikel 21 der Rechtecharta von Nizza, der der Vertrag von Lissabon obligatorischen Charakter verleiht, gibt in juristischer Sprache und unter der Bezeichnung eines Nichtdiskriminierungsprinzips die sogenannte „Gender-Theorie“ zum Ausdruck, die das biologische Geschlecht von der sexuellen „Neigung“ oder „Geschlechtsidentität“ unterscheidet. Demnach soll sich der Unterschied zwischen Mann und Frau nicht mehr auf das objektiv von der Natur Gegebene stützen, sondern auf die subjektive Neigung und Wahl.
Es geht hier nicht etwa um einen Grenzfall. Das Naturgesetz wird in einer von einem großen Teil der europäischen Staats- und Regierungschefs unterzeichneten Urkunde in seiner Wurzel geleugnet.

In einem großen europäischen Land, nämlich im Spanien Zapateros, hat das Parlament einen Gesetzesentwurf gutgeheißen, der im Namen des Nichtdiskriminierungsprinzips einige Menschenrechte, angefangen mit dem Recht auf Leben, auf die Menschenaffen (Schimpanzen, Gorillas und Orang-Utas) ausdehnt, genau das Recht auf Leben also, das man andererseits den Embryos abspricht. Auch hier handelt es sich nicht um einen Extremfall, sondern um den Versuch, etwas als normal anzusehen, was allen natürlichen und sittlichen Normen widerspricht.


Der Posthumanismus der IV. Revolution

Auf den wenigen, jedoch prophetischen Seiten, die Prof. Plinio Corrêa de Oliveira als Nachwort zur italienischen Ausgabe von Revolution und Gegenrevolution (1977) geschrieben hat, werden all die Elemente aufgezählt, die zum Verständnis des Prozesses notwendig sind, der die Vierte Revolution ausmacht. Der Postkommunismus nimmt nun die Gestalt eines Posthumanismus an. Bei dieser Vision geht es um die Überwindung des Menschen und um den Übergang vom alles umfassenden Humanismus zur umfassenden Zerstörung des menschlichen Subjekts.

Dreißig Jahre sind vergangen, seit Plinio Corrêa de Oliveira die heraufziehende IV. Revolution beschrieben hat. Heute geben Wissenschaften wie die Neuropharmakologie, die Gentechnik oder die Nanotechnik den Handwerkern des Nichts neue Mittel in die Hand, damit sie ihre tribalen Szenarien verwirklichen können.

Außer der Unterscheidung zwischen Mann und Frau wird auch die zwischen der Menschen-, der Tier- und der Pflanzenwelt hinfällig, ja sogar der Unterschied zwischen den organischen und den anorganischen Daseinsformen. Die radikale Ökologie spricht von einem kosmischen Egalitarismus, der auch die Bestandteile der Natur wie die Berge, die Pflanzen, das Wasser, die Atmosphäre und die Landschaften einbezieht. Es handelt sich hier um eine pantheistische Weltanschauung, nach der das Universum aus einem unermesslichen Gewebe von Beziehungen besteht, sodass jedes Wesen durch ein anderes lebt und sich die Gottheit als das „Selbstbewusstsein“ des Universums herausstellt, das sich, indem es sich entwickelt, seiner eigenen Entwicklung bewusst wird.

Das Prinzip der „Nichtdiskriminierung“ hebt die philosophische Grundlage der abendländischen, christlichen Zivilisation aus den Angeln, nämlich das Prinzip der Identität und der Nichtwidersprüchlichkeit. Die Nichtdiskriminierung hebt in Wirklichkeit die Identität auf, sie bedeutet die Hybridisierung und Verschmelzung dessen, was wesentlich verschieden ist. Es handelt sich um ein Merkmal, das uns stets in gnostischen und pantheistischen Systemen begegnet.

In dieser posthumanen Perspektive wird auch der Unterschied zwischen Mensch und Maschine hinfällig. Der Gedanke einer Symbiose von Mensch und Maschine hat vor allem mit der Entwicklung der Informations- und Digitaltechnik an Boden gewonnen. Der Begriff Cyborg wird auf neue Hybriden angewandt, unter denen man Menschen versteht, die durch den Zusatz von mechanischen Prothesen oder technischen Komponenten verändert wurden. Vor allem der Einsatz der Nanotechnik erlaubt möglicherweise die Einführung von miteinander verbundenen winzigen Nanorobotern in den Blutkreislauf oder ins Gehirn, wo sie sich zu einer Art künstlicher Intelligenz zusammenschließen können, d. h. „zu einem echt hybriden Wesen aus biologischer und nichtbiologischer Intelligenz“.

Anders als der Cyborg mit seinen biologischen und künstlichen Teilen ist der Androide nichts als ein Roboter mit menschlichem Aussehen oder ein künstlich zusammengebauter Mensch. Ein menschliches Wesen dieser Art wurde zum ersten Mal in dem Roman Frankenstein von Mary Shelly (1818) beschrieben, der oft als der erste Science-fiction-Roman angesehen wird. Heute aber sind die Versuche des Dr. Frankenstein nicht mehr nur Literatur, sondern Wirklichkeit.

Prof. Aldo Schiavone, ein postkommunistischer italienischer Intellektueller, widmet ein Kapitel seines jüngsten Buches Geschichte und Schicksal dem Thema „über die Art hinaus“. Darin weist er darauf hin, dass wir in Zukunft „nicht mehr von unseren natürlichen Grenzen bestimmt sein werden, sondern von der Tatsache, dass wir diese überwunden haben“ . Zu den Grenzen, die der Mensch überwinden wird, zählt Schiavone sogar den Tod: „Ich bin davon überzeugt, dass meine Generation und die unserer Kinder die letzten sein werden, die noch mit der Erfahrung des Todes, so wie er unserer Art bisher begegnet ist, rechnen müssen.“

Diese endlose Transformation soll den Menschen „über den Menschen hinaus“ führen und so den Bestand und die Dauerhaftigkeit seiner Natur auflösen.

Der Feind, den die Revolution heute besiegen will, ist der von Gott geschaffene Mensch. Der naturgegebenen, christlichen Ordnung wird eine zutiefst anti-natürliche und anti-christliche Ordnung entgegengestellt.


Menschliche Natur und Adel

Benedikt XVI. hat zu Recht hervorgehoben, dass „in letzter Zeit jede juristische Regelung sowohl auf interner als auch auf internationaler Ebene ihre Legitimation von der Verwurzelung im Naturgesetz herleitet“ , und dass „kein von den Menschen aufgestelltes Gesetz die vom Schöpfer ins Herz des Menschen gelegte Norm umstürzen darf, ohne dass die Gesellschaft selbst auf dramatische Weise in ihrer unverzichtbaren Grundlage erschüttert würde“ .

Die Verteidigung des Naturgesetzes beschränkt sich jedoch nicht allein auf den theoretischen und begrifflichen Aspekt. Die menschliche Natur verteidigt sich auch selbst, indem sie naturgemäß lebt, das heißt in Übereinstimmung mit einem allen Menschen gemeisamen unveränderlichen, ewigen Gesetz. Wer sich in seiner Lebensweise an die Natur und die Vernunft hält, lebt edel. „Adel ist die Vollkommenheit der Natur selbst in allen Dingen“, behauptet Dante im IV. Abschnitt seines Gastmahls . Der Adlige lebt nach der Perfektion der Natur selbst, die die menschliche Natur in Benehmen, Umgang und Sprache erhebt.

Es ist keineswegs nicht verwunderlich, dass Plinio Corrêa de Oliveira sein letztes Werk dem Adel und den traditionellen Eliten gewidmet hat, handelt es sich doch um eine klare Botschaft und einen deutlichen, an den Westen gerichteten Appell in dieser Richtung.

Der Adel hat oft die guten Sitten und den Gebrauch der gesellschaftlichen Beziehungen bewahrt, dabei aber ihren tieferen Sinn aus den Augen verloren. Es ist daher notwendig, diesen gesellschaftlichen, menschlichen Beziehungen ihre eigentliche Bedeutung zurückzugeben. Natürlich braucht der Adel, um überleben zu können, wirtschaftliche und politische Kraft, doch Macht und Finanzmittel bedürfen zu ihrer Legitimierung einer vom Dienst am Gemeinwohl inspirierten Weltanschauung. Plinio Corrêa de Oliveira hat das Wesen des Adels und der traditionellen Eliten im Dienst am Gemeinwohl gesehen, und dieser Dienst wird auf dem Wege der unblutigen Übernahme von Pflichten und Verantwortung in die Tat umgesetzt.

Der Hauptgrund für die Geburt des Adels lag in der Verteidigung der bedrohten Gesellschaftsordnung in den finsteren Jahrhunderten, die zwischen dem Niedergang Roms und dem Licht des Mittelalters lagen.

Damals erfüllte er seine Aufgabe vor allem durch die Übung kriegerischer Tugend, die Mut, Kampfgeist, Todesverachtung und Ehrgefühl voraussetzt. Unter all diesen Gefühlen nimmt sicherlich das Ehrgefühl den vornehmsten Platz ein, denn dieses macht gewissermaßen das Wesen des Adels aus. Ehre hat nichts mit Eitelkeit oder Stolz zu tun. Ehre setzt vielmehr eine gewisse Demut voraus, denn allein die Demut macht uns von uns selbst los und lässt uns große Dinge vollbringen. Der Grad an Adel eines Menschen wird an seiner Fähigkeit gemessen, sich von den materiellen Dingen zu befreien, obwohl er mitten im Reichtum lebt.

Der Ausdruck „Ehrenwort“ sollte uns zum Nachdenken anregen. Die Verbindung dieser beiden Begriffe, Wort und Ehre, bringt die Kraft des Wortes, seine heilige Natur zum Ausdruck. Die Unveränderlichkeit des Ehrenwortes weist nicht nur auf eine religiös sakrale Dimension hin, die an das schöpferische Wort Gottes erinnert, sondern verweist auch auf eine philosophische Dimension. Sie bestätigt das Prinzip, auf dem das christlich-abendländische Denken beruht, nämlich das Prinzip der Identität und des Widerspruchs, wonach sich das, was sich selbst gleich ist, nicht ändert. Mit einem Wort, das metaphysische Prinzip der Fortdauer der Tradition.

Das Ehrenwort schließt nicht nur eine Metaphysik, sondern auch eine auf die menschliche Person gegründete Anthropologie ein. Ehre heißt Achtung sich selbst und den andern gegenüber. Sie geht von der Überzeugung aus, dass der Mensch vor allem Person ist. Sie besteht aus dem Gefühl, dass es etwas Höheres gibt als das eigene Vergnügen und Interesse. Wer ein edles Gemüt besitzt, hebt sich von den niederen, vulgären Dingen ab, steht über ihnen. Diese Sicht ist nicht zoologisch ausgerichtet, sondern geistig. Sie ist dem Menschen eigen, der weiß, dass das materielle Leben nicht das höchste Gut darstellt. Man kann zwar Ehrgefühl haben, auch wenn man religiösen Fragen skeptisch gegenübersteht, wer jedoch einen tiefen Glauben an Gott besitzt, kann niemals das Ehrgefühl entbehren.

In Deutschland ist 1994 ein schönes Buch von Marion Gräfin Dönhoff (1909-2002) unter dem Titel Um der Ehre willen erschienen. Die Verfasserin, eine preußische Aristokratin mit fortschrittlichen Ideen, Mitherausgeberin der Wochenzeitung „Die Zeit“, beschreibt darin Erinnerungen an ihre Jugend sowie die kulturelle und gesellschaftliche Atmosphäre, in der die Gedanken und Gefühle entstanden sind, die zum Attentat des Grafen Klaus Schenk von Stauffenberg gegen Hitler geführt haben. Der Widerstand des deutschen Adels gegen den Nationalsozialismus hatte seine Wurzel vor allem im Ehrgefühl. Es ging hierbei nicht um irgendeine Sehnsucht nach der Vergangenheit. Gräfin Dönhoff schreibt in ihren Lebenserinnerungen, dass die höchste Form von Liebe vielleicht die sei, die sich auf das richtet, was uns nicht mehr angehört.

Das scheinbar mit den Jahrhunderten des Rittertums untergegangene Ehrgefühl erweist sich in Zeiten des Verfalls besonders lebendig und nährt sich aus den geistigen Quellen einer Menschennatur, die sich im Laufe der Jahrhunderte nicht verändert.

Heute ist ein Plan im Gange, der die Zerstörung der menschlichen Natur zum Ziele hat und damit beginnt, dass theoretisch die Existenz einer bleibenden, unveränderlichen Natur des Menschen geleugnet wird. Am Ende führt dies zur Schaffung eines gespaltenen, aufgelösten Menschentyps, der keine Identität und keine Erinnerung mehr hat, wie etwa die entwurzelten jungen Menschen, die wir in unseren Banlieux finden. Der Adel kann heute seine Sendung in der Verteidigung und in der Wiederherstellung der menschlichen Natur wiederfinden und damit dem Aufruf folgen, der gestern von Pius XII. und in unseren Tagen von Benedikt XVI. nicht nur an die Katholiken, sondern an alle Menschen guten Willens und jeden Glaubens gerichtet wurde.

Die Wiederherstellung der menschlichen Natur beginnt mit der Behauptung eines Naturgesetzes, die auf der Beständigkeit der menschlichen Natur gründet, und findet ihren Abschluss in der Wiederentdeckung eines edlen, erhabenen Menschentyps, der seine Wurzeln im Gedächtnis und in der Tradition hat. Dieser Menschen wird vor allem das Ehrgefühl zurückgewinnen und mit ihm eine Haltung, die die Jahrunderte überdauert hat und die weder an den Besitz von Ländereien, noch an den Einsatz von Pferden und den Gebrauch von Waffen gebunden ist.

Der Mensch kann sich erheben, kann sich aber auch erniedrigen, wenn er nämlich nicht dem Vernunftgesetz seines Geistes, sondern dem biologischen seiner Instinkte folgt. Dem edlen Menschentyp steht dann das Bild des modernen und postmodernen, seelisch aufgelösten, seiner Identität und Wurzeln baren Menschen gegenüber.

So ist es also notwendig, das Naturgesetz zu kennen und zu lieben und auf edle Weise nach der Natur zu leben. Doch das ist nicht genug. Gott hat dem Menschen ein übernatürliches Ziel angewiesen und Jesus Christus ist Mensch geworden und hat bis zum Tod gelitten, um die gefallene menschliche Natur zu erlösen. Um dem Naturgesetz folgen zu können, bedarf es des übernatürlichen Lebens der Gnade, denn allein der Christ kann in seinem Leben die Natur zur Vollkommenheit bringen. Deshalb darf sich der Christ nicht mit einer allein auf das Naturgesetz gegründeten Gesellschaft zufriedengeben. Sein Wunsch muss die Bekehrung der ganzen Welt zum Christentum sein.

Aus diesem Grunde geht es uns nicht allein darum, die natürliche Ordnung zu verteidigen, sondern es geht uns um eine natürliche christliche Ordnung. Wir begnügen uns nicht mit dem natürlichen Sittengesetz, sondern streben das natürliche christliche Sittengesetz an.

Darum wollen wir die Wiedererstehung einer durch und durch christlichen Gesellschaft, denn wir sind uns bewusst, dass die Natur ohne das Christentum verfällt, so wie auch die Gnade ohne die natürliche Ordnung nicht gedeihen kann, denn die Gnade setzt – nach den Worten des heiligen Thomas – die Natur voraus. Das Gnadenleben setzt die Beachtung des Naturgesetzes voraus.

Deshalb bitten wir die Kirche um das Leben der Gnade, das sie uns in ihren Sakramenten, besonders aber in der Eucharistie schenkt. Und wir erbitten es von der Gottesmutter, der Mittlerin aller Gnaden.

Wir haben uns heute hier eingefunden, um die Veröffentlichung eines Buches zu begrüßen, das uns den Anstoß zu tiefem Nachdenken gibt und uns zum Handeln einlädt. Ein Buch, das als Autoren zwei große Protagonisten des 20. Jahrhunderts zusammenführt: Eugenio Pacelli, der als Papst den Namen Pius XII. trug und dessen Todestag sich am 8. Oktober zum fünfzigsten Mal gejährt hat, und Plinio Corrêa de Oliveira, dessen Geburtstag sich am 13. Dezember zum hundertsten Mal jähren wird. Vom Himmel aus führen sie heute ihre und unsere Schlacht gegen die Revolution weiter.

Dienstag, 4. November 2008

Die Notwendigkeit von Eliten zur Erneuerung der Christenheit.

Rede von Paul Herzog von Oldenburg anläßlich der Vorstellung des Buches "Der Adel und die vergleichbaren traditionellen Eliten in den Ansprchen Pius XII. an das Patriziat und den Adel von Rom" von Prof. Plinio Correa de Oliveira am 30.Oktober 2008 in Wien


Dieses Thema ist eigentlich zu weit und groß, als daß es innerhalb von 20 Minuten abgehandelt werden könnte. Für eine umfassende und erschöpfende Analyse empfehle ich daher die tatsächliche Lektüre des Buches, das wir Ihnen heute vorstellen. „Der Adel und die vergleichbaren Eliten in den Ansprachen Papst Pius XII. An den Adel und das Patriziat von Rom“.

Ich werde dennoch den Versuch unternehmen zumindest auf einiges einzugehen, was mir persönlich am wichtigsten erscheint.

Lassen Sie mich konzentrieren auf drei wesentliche Punkte: die Beschreibung der Krise, in der die Christenheit sich befindet; auf die Erneuerung, die Re-Christianisierung der Gesellschaft, ja ganzer Nationen, denn dies ist der einzige Weg, sie vor dem Untergang zu retten, und als Drittes auf die Möglichkeiten und die Pflichten, die dem Adel und den traditionellen Eliten dabei zukommen.


Die Krise

Wir erleben im Moment einen Zusammenbruch. Die Bankenkrise stellt die Frage nach der Vorherrschaft in der Welt neu. Schlagzeilen wie „Die Herausforderungen der neuen Weltordnung“, oder „Krieg um Wohlstand“ oder „Is anyone in charge of todays nonpolar world?“ – Ist irgendjemand zuständig für die heutige führungslose Welt? Führen uns vor Augen, daß wir an einer Zeitenwende stehen könnten. Die USA, da sind sich alle einig, werden wohl ihre Führungsrolle in der Welt einbüßen, aber wer wird sie übernehmen?

Der europäische Einigungsprozess stockt. In den einzelnen Ländern wenden sich die Menschen immer weiter ab von den etablierten Parteien, die Politik ist nicht imstande, den Menschen Antworten zu geben, geschweige denn, Vertrauen aufzubauen. Irrationalismus macht sich breit – in Deutschland erkennbar am Zulauf zu den Postkommunisten - man sehnt sich nach dem starken Staat, einer starken Führung, die sich für einen einsetzt und die Probleme löst.
Die einst so strahlende Christenheit, geboren im Nahen Osten und zur Hochblüte hier in Europa gelangt und ausgebreitet über alle Kontinente, wendet den christlichen Prinzipien immer weiter den Rücken zu.

Aus der Kirche hört man vereinzelt den Protest hochrangiger Prälaten, mal leiser, mal lauter doch scheinbar wirkungslos.

Doch was auf die katholische Kirche erst noch zukommt – und damit natürlich auch auf uns – zeigt die Entschließung des Europarates vom 29. Juni 2007, in der ganz klar formuliert wird, daß für eine zukünftige Ordnung in Europa nur noch die Charta der Menschenrechte bindend sein kann, die die Grundlage bilden soll für die neue europäische Verfassung. Es heißt dort weiter, daß die Religion Privatsache zu sein hat, eine Einmischung in den Meinungsbildungsprozeß darf es nicht mehr geben. Alle in der Gesellschaft aktiven Institutionen haben die Menschenrechte anzuerkennen, eine gegenteilige Position, wie sie die Kirche in einigen Bereichen prinzipiell beziehen muss, muss mit allen Mitteln unterbunden werden.

Die Menschenrechte werden das höchste Dogma sein. Dieses Dogma erlaubt keine Infragestellung, keinen Protest. Der Platz, den Gott in der katholischen Gesellschaft des Mittelalters einnahm, - wo jede Verletzung der Rechte Gottes inakzeptabel war – wird nun durch die Menschenrechte besetzt. Manche sehen am Horizont eine neue Christenverfolgung mitten in Europa heraufziehen.

Die moralische Verwüstung, die immer noch und immer mehr von allen Medien, der Musikindustrie und durch das Internet gefördert wird, hat gravierende Ausmaße erreicht. Daraus resultiert auch die Kinderfeindlichkeit unserer Gesellschaft, die die europäische, sagen wir einmal, Ur-Bevölkerung zusammenschrumpfen läßt.

Sie werden mir zustimmen, daß wir wirklich in einer Krise stecken. Es ist die Krise der Christenheit. Und sie ist eine weltweite Krise.

In dem Maße, in dem über die Jahrzehnte die christlichen Werte und Prinzipien zurückgedrängt wurden, in dem Maße, wie sich alle Organismen der Gesellschaft immer mehr von Gott entfernt haben, in dem Maße nehmen die atheistischen, die freidenkerischen Programme, in dem Maße machen sich Hochmut, Sinnlichkeit, Rohheit, Verdorbenheit, Häßlichkeit, Banalität, Profanität breit. Der Widersacher nimmt den freigewordenen Platz ein. Das Gegenteil der Tugenden wird gelebt, denn Gott gibt es nicht, Gott ist deshalb kein Maßstab mehr.

Doch damit, dies lehrt uns die Geschichte, wäre das Ende dieser Gesellschaft eingeläutet. Und dies lehrt uns ebenfalls die Botschaft von Fatima, in der, für den Fall einer fehlenden Bekehrung der Menschen und Nationen, Strafen angekündigt werden.

Jetzt hat sogar Papst Benedikt XVI. in einer beeindruckenden Predigt vor der Bischofssynode diese möglichen Strafen genau in diesem Zusammenhang zur Sprache gebracht. Es geht um den Sohn des Weinbergbesitzers, der von den Winzern ermordet wird, da diese hoffen, damit in den Besitz des Bergs zu kommen.

Zitat:
„Was in diesem Abschnitt aus dem Evangelium beklagt wird, stellt unsere Art zu denken und zu handeln in Frage; es stellt vor allem eine Anfrage dar an die Völker, denen das Evangelium verkündet worden ist. Wenn wir die Geschichte betrachten, so werden wir nicht selten die Kälte und den Widerstand inkonsequenter Christen feststellen müssen. Infolgedessen mußte Gott, ohne jemals sein Heilsversprechen zurückzunehmen, oft auf Züchtigungen zurückgreifen. Unwillkürlich denkt man in diesem Zusammenhang an die erste Verkündigung des Evangeliums, aus der anfänglich blühende christliche Gemeinden hervorgingen, die dann verschwanden und heute nur in den Geschichtsbüchern Erwähnung finden. Könnte das nicht auch in unserem Zeitalter geschehen? Nationen, die einst reich an Glauben und Berufungen waren, verlieren mittlerweile unter dem Einfluß einer verderblichen und zerstörerischen modernen Kultur zunehmend ihre Identität. Es gibt Menschen, die beschlossen haben, daß »Gott tot ist«, und sich selbst zu »Gott« erklären und glauben, die einzigen Schöpfer ihres Schicksals und die Herren der Welt zu sein.“

Weiter unten fleht er sogar die Synodenväter an: „Es darf nie geschehen, liebe Brüder und Schwestern, was in der Bibel über den Weinberg gesagt wird: Er hoffte, daß der Weinberg süße Trauben brächte, doch er brachte nur saure Beeren“(vgl. Jes 5,2).

Doch offensichtlich sind heute „die sauren Beeren“ in der großen Überzahl.

Wir brauchen also eine Erneuerung des Glaubens.


Die Erneuerung

Wir brauchen also eine neue Durchdringung der gesamten Gesellschaft mit den Werten und Prinzipien, auf denen unsere Zivilisation aufgebaut wurde. Wir brauchen eine Re-Christianisierung Europas.

Lassen Sie mich aus der großartigen Enzyklika „Immortale Dei“ von Papst Leo XIII. zitieren, der uns erinnert, wie das Ziel der Re-Christianisierung auszusehen hat.

„Es gab eine Zeit, in der die Philosophie des Evangeliums die Staaten regierte. In dieser Epoche durchdrangen der Einfluß der christlichen Weisheit und ihre göttliche Kraft die Gesetze, die Einrichtungen, die Sitten der Völker, alle Kategorien und Beziehungen der bürgerlichen Gesellschaft. Dank der Gunst der Fürsten und des legitimen Schutzes der Amtspersonen blühte damals überall die von Christus gegründete Religion und erhielt die ihr zustehende Anerkennung. Zwischen Priestertum und Kaisertum herrschte ein glückliches Einvernehmen im Dienste freundschaftlicher Gegenseitigkeit. Auf diese Weise organisiert trug die bürgerliche Gesellschaft unerwartet reiche Früchte und die Erinnerung an sie lebt fort und wird in den zahllosen Zeugnissen weiterleben, die kein Manöver ihrer Gegner jemals verderben oder verdunkeln kann.“

Der Papst spricht hier vom Mittelalter. Und das muß unser Maßstab sein. Eine Gesellschaft durchdrungen von den christlichen Werten und göttlichen Tugenden.

„Utopie!“ – wird man mir nun entgegen schleudern. „Das wird es nie mehr geben“ oder „Diese Zeit ist unwiederbringlich vorbei.“

Ja natürlich. Das Mittelalter wird es nie wieder geben. Wir leben heute und heute sind die Voraussetzungen andere. Es geht aber auch nicht um das Zurückdrehen der Zeit. Sondern es geht um die Essenz, das Grundsätzliche.

Die Wiederherstellung einer Gesellschaft, die Gott wieder in den Mittelpunkt setzt, Ihn als den alleinigen Maßstab aller Dinge und Handlungen anerkennt, verehrt und preist. Das ist das Ziel.

Was ist dabei aber die Rolle der Eltien?


Die Notwendigkeit der Eliten

Fragen wir uns erst einmal, wer denn die von Papst Leo XIII. beschriebene Gesellschaft aufgebaut hat, wer hat denn diese Staaten geleitet, wer hat zugunsten des Gemeinwohls darauf geachtet, daß diese enge Verbindung von Kirche und Staat, diese gegenseitige Befruchtung stattfinden konnte, wer hat sich immer dann schützend vor die Kirche gestellt, wenn sie angegriffen wurde, wer hat die freie Verkündigung des Evangeliums durch die Missionare sichergestellt, wer hat dadurch ganze Völker erhoben, wer hat dadurch die so reichen kulturellen Schätze in Architektur, Kunst und Musik hervorgebracht, vor denen wir uns noch heute staunend verneigen?

Es sind natürlich die traditionellen Eliten gewesen. Und unter ihnen der Adel insbesondere. Und damit sind es auch Ihre Familien gewesen. Es sind die traditionellen Eliten gewesen, die in der weltlichen Ordnung die Verantwortung für das Gemeinwohl übernommen haben. Die Eliten also, eine kleine Gruppe von Menschen, die fast anderthalb Jahrtausende von der Spitze her geführt hat.

Papst Pius XII. lehrt uns nun in seinen Ansprachen an den Adel und das Patriziat von Rom, daß diese Eliten diese Verantwortung immer noch haben, auch heute, da wir in Demokratien leben und unsere Familien, mit wenigen Ausnahmen, keine öffentlichen Ämter mehr bekleiden.
Dies betont auch rückblickend Papst Paul VI in einer Ansprache an das Patriziat und den Adel von Rom 1964 in einem Rückblick:

„So viel möchten wir euch sagen. Eure Gegenwart löst so viele Überlegungen aus. So erging es auch unseren verehrten Vorgängern – vor allem Papst Pius XII. seligen Angedenkens –, die sich bei Gelegenheiten wie dieser mit mustergültigen Reden an euch gewandt und euch eingeladen haben, im Lichte ihrer bewundernswerten Lehren sowohl über die Umstände eurer eigenen Lage als auch über die unserer Zeit nachzudenken. Wir nehmen an, daß das Echo ihrer Worte wie der Wind, der die Segel bläht, .... noch heute euer Gemüt bewegt und es mit jenen strengen, großzügigen Mahnrufen erfüllt, von denen sich die Berufung nährt, die euch die Vorsehung für euer Leben gezeigt hat, und auf die sich der auch heute noch von der Gesellschaft geforderte Auftrag stützt, der euch angeht.“[1]

Ich möchte an dieser Stelle nicht so sehr auf die Rechtfertigung der Eliten eingehen, die in aller Ausführlichkeit im Buch nachzulesen ist.

Stattdessen lassen Sie mich eingehen auf die höchste soziale Funktion des Adels, wie Pius XII. herausstellt. Sie ist „die Wahrung, Verteidigung und Verbreitung der christlichen Lehre, die in den ihn auszeichnenden Traditionen enthalten ist.“

Dazu sei es absolut notwendig, daß insbesondere der Adel sich hüten muß vor dem moralischen Verfall, der so sehr um sich greift, so Pius XII.

„Was Euch betrifft, sorgt dafür und seid wachsam, damit schädliche Theorien und perverse Beispiele niemals mit Eurer Zustimmung oder Sympathie rechnen können und vor allem in Euch keine willigen Träger oder die Gelegenheit, Infek­tionsherde zu bilden, finden.“

Diese Pflicht ist Bestandteil des „großen Respekts vor den Traditionen, die Ihr besitzt und durch den Ihr Euch in der Gesellschaft auszeichnet“. Diese Traditionen bilden einen „wertvollen Schatz“, den der Adel „mitten unter dem Volke“ zu wahren hat.

„Mögli­cherweise ist das heutigentags die wichtigste, soziale Funktion des Adels; sicherlich ist es der größte Dienst, den Ihr der Kirche und dem Vater­land erweisen könnt“.
Das ist also die erste Aufgabe des Adels: Sich nicht dem Zeitgeist anpassen.

Prof. Correa de Oliveira kommentiert diese Sätze: „Der Adel kann den Glanz vergangener Jahrhunderte, der noch heute von ihm ausgeht, kaum besser verwenden als die in den ihn auszeichnenden Traditionen enthaltene christlichen Lehre zu wahren, zu verteidigen und zu verbreiten.“

Ein schwieriges Unterfangen, wo wir doch alle nur Menschen sind und so anfällig gegenüber einem Aussenseitertum, was eine Zurückweisung des Zeitgeistes heute natürlich bedeuten würde..

Doch der Papst ist der Ansicht, daß dies möglicherweise der größte Dienst sei, den wir der Kirche und dem Vaterland erweisen könnten. Er bekräftigt dies am Abschluß seiner Ansprache von 1958 mit den Worten: „Damit der Allmächtige Eure Absichten bestärke und Unsere Gebete erhöre, die Wir darum an Ihn gerichtet haben, möge auf Euch allen, auf Euren Familien und besonders auf Euren Kindern, die Eure beste Tradition in die Zukunft tragen, Unser Apostolischer Segen ruhen.“

Johannes XXIII. mahnt 1960, daß der Adel, dem viel gegeben ist, auch viel zu leisten hat, insbesondere im Hinblick auf ein tugendhaftes Leben. Er wird in besonderem Maße Gott gegenüber darüber Rechenschaft abzulegen haben.

Doch reicht das? Einfach ein tugendhaftes Leben führen und ansonsten sich in der wohligen Anonymität bewegen, in die die meisten sich zurückgezogen haben?

Nein, sie dürfen sich nicht aus dem konkreten, d.h. öffentlichen Leben zurückziehen. Aus dem einfachen Grunde, da die Wahrung der Tradition, die dem Adel und den traditionellen Eliten zukommt, die Gesellschaften vor dem Stillstand bewahrt. Denn die wahre Tradition ist zukunftszugewandt und fortschrittlich. Sie garantiert eine harmonische Weiterentwicklung. Das wahre Traditionsbewußtsein bewahrt die Gesellschaft vor plötzlichen Sprüngen, vor Brüchen, die gefährliche Auswirkungen haben könnten. Dies zu verhindern ist Aufgabe des Adels und der traditionellen Eliten. Wenn er sich aber aus der Öffentlichkeit zurückzieht, kann er diese Aufgabe nicht mehr wahrnehmen.

Pius XII.: „Ihr laßt Eure Vorfahren neu aufleben, indem Ihr sie ins Gedächtnis zurückruft. Und Eure Ahnen leben wieder auf in Euren Namen und in den Euch hinterlassenen Titeln, den Zeugen ihrer Verdienste und Wohltaten.“

„Jeder Mensch hat seine Bestimmung, jeder muß dem Fortschritt der Gemeinschaft dienen, deren Verbesserung er mit seinen ganzen Kräften und eigenen Talenten zu dienen hat. So muß es sein, wenn jeder wirklich seinen Nächsten liebt und vernünftigerweise das allgemeine Wohl anstrebt.“

Und der große Papst vergleicht den Adel mit dem Regler an einer Maschine, der dafür sorgt, daß das Ganze richtig und zweckentsprechend funktioniert. „Mit anderen Worten, so Pius XII., Ihr seid die Tradition und setzt sie fort. „

Noch deutlicher an anderer Stelle: „Heute, mehr wie je zuvor, seid ihr berufen, eine Elite zu sein, nicht nur durch das Blut und Abstammung, sondern mehr noch auf Grund Eurer Werke und Eures Einsatzes, der schöpferischen Handlungen zum Wohle der ganzen menschlichen Gemeinschaft. Dieser Verpflichtung kann sich niemand ungestraft entziehen. Sie ist nicht nur eine menschliche und staatsbürgerliche Pflicht, sondern ein heiliges Glaubensgebot, ererbt von Euren Vätern und das Ihr, wie sie, vollständig und ungeschmälert, an Eure Nachfahren weiterzugeben habt.“

Der Papst spricht von einen heiligem Glaubensgebot. Es ist ein heiliges Glaubensgebot des Adels und der traditionellen Eliten, sich für das Gemeinwohl einzusetzen.

Aber natürlich entsteht dann die Frage nach dem WIE. Wie können denn der Adel und die traditionellen Eliten etwas bewirken?

Hier sind einige anwesend, von denen ich weiß, wie sehr sie sich im Sinne von Papst Pius XII. vorbildlich engagieren durch hervorragenden Einsatz im caritativen Bereich, Aufbau von Glaubenserneuerungsgruppen, Aufbau von wirklich katholischen Kindergärten und Schulen, Unterstützung von wirklich katholischen Priesterseminaren usw. . Doch die Führungsrolle in der Gesellschaft schlechthin, die Pius XII. dem Adel auch noch heute zuspricht, haben andere.
Wie sieht aber diese Führungsrolle heute aus?

Dadurch, daß dem adeligen bestimmte Qualitäten zu eigen sind, so der Papst, ist der zum Führer der Gesellschaft bestimmt. Diese Eigenschaften sind seelische Stärke, Einsatzbereitschaft, freudiger Mut, der eine Ohne-mich- Einstellung nicht zuläßt, großmütiger Einsatz, Geistesstärke, die nicht zuläßt, sich aufzugeben und zu fliehen, Tatbereitschaft, Opferbereitschaft für das Gemeinwohl, Hingabe für andere. Die die reichhaltigere Mittel besitzen, nicht materiell sondern hier Gaben des Verstandes, der Kultur, der Erziehung , der Wissens, des Einflusses, müssen diese auch einsetzen für das Ganze. Ritterlichkeit .

Es gibt vielfältige Organisationen, die sich den brennenden Herausforderungen der Zeit zugewandt haben, sei es zum Thema Abtreibung, zur „Homoehe“, zur Euthanasie, zu Fragen der Genmanipulation, des Klonens usw. Dort z.B. müßten die bekannten Namen erscheinen. Dort müssten in großem Maße Vertreter des Adels ihre Stimme erheben, denn bei diesen Themen handelt es sich um die vom Heiligen Vater so genannten nicht verhandelbaren Prinzipien, Prinzipien, die den Kern der christlichen Kultur ausmachen und an denen keiner rühren darf, sei er auch noch so demokratisch legitimiert.

Papst Pius XII. sagt weiter wörtlich: „In all dem, was Dienst ist für den Nächsten, für die Gesellschaft, für die Kirche und für Gott, müßt Ihr immer die ersten sein.“
Und damit verlangt vom Adel die Führung der Gesellschaft, insbesondere heute, da wir feststellen, daß aus dem Volk eine namenlose, leicht manipulierbare Masse geworden ist, die „zum Spielzeug der Leidenschaften oder Interessen ihrer Aufwiegler sowie der eigenen Illusion geworden ist. Hat die Geschichte vielleicht nicht schon grausam bewiesen, daß jede menschliche Gesellschaft, ohne religiöse Grundlage unweigerlich ihrer Auflösung entgegengeht oder im Terror endet? Euren Ahnen nacheifernd, müsst Ihr also vor dem Volk leuchten durch das Licht Eures Frömmigkeitslebens, durch den Glanz Euer unerschütterlichen Treue zu Christus und der Kirche.“

Und es folgt ein leidenschaftlicher Aufruf zur Rettung der Familie und die Ermahnung zur Unerschütterlichkeit in der Überzeugung, daß einzig die Lehre der Kirche den gegenwärtigen Übeln wirksam abhelfen kann. Daraus folgt, daß der Adel alles daran setzen muß, der Kirche den Weg freizumachen, damit sie die Lehre verkünden kann.

Spätestens hier müssen wir uns fragen: Stehen wir vor dem Volk? Geht von uns das Leuchten eines Frömmigkeitslebens aus? Sind wir wie Leuchttürme der Orientierung für unsere Völker, so wie der Heilige Vater es von uns verlangt? Verteidigen wir die Kirche gegen die Angriffe, denen sie immer häufiger ausgesetzt ist, in der Weise, daß sich auch andere ermutigt sehen, das gleiche zu tun? Gehen wir aktiv und öffentlich vernehmbar gegen demokratisch legitimierte Politik vor, die offen der Lehre der Kirche widerspricht?

Diese Fragen kann sich jeder selbst beantworten. Doch wir müssen sie beantworten, in dem wir unserem Herrn dabei in die Augen schauen, der selbst, zwar in bescheiden Verhältnissen aufgewachsen, dennoch aus dem königlichen Hause David stammt. Er, und das mußte auch ich erst lernen, will unseren Einsatz, auch wenn unserer Väter uns vielleicht resigniert bedeuten, daß unsere Zeit vorbei sei.

Wir sollen und müssen uns wieder allen in der Gesellschaft zuwenden, wir kennen unsere Wurzeln und in aller Demut müssen wir die Bürde auf uns nehmen und den Kampf austragen gegen die Feinde der Kirche, gegen die Feinde der Christlichen Sitten und Kultur, gegen die Feinde der christlichen Zivilisation. Wir müssen kämpfen für eine Gesellschaft, die den wahren Eckstein annimmt und auf ihm aufbaut.

Dieses Buch hat den Anspruch, diese Verpflichtung dem Adel und den traditionellen Eliten wieder nahe zu bringen und sie anzuspornen, sie auch bereitwillig zu übernehmen, das Kreuz auf sich zu nehmen und sich gegen den Zeitgeist für das Gemeinwohl einzusetzen. Das Volk kann sich nur durch die Annahme und das Leben der christlichen Tugenden und die Beachtung der katholischen Lehre zu einer wahren Zivilisation, zu einer christlichen Zivilisation entwickeln.
Laufen wir nicht weg von dieser Aufgabe.

Danke für Ihre Aufmerkamkeit.

[1] Ansprache an das Patriziat und den Adel von Rom, 1964, S. 73.